Schreiborte

IMG_1274Direkt unter dem Fenster meines Arbeitszimmers ist eine große Baustelle. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich gerne in Cafés schreibe und es auch anderen empfehle, sich einen passenden Ort zum Schreiben zu suchen.

Früher mochte ich das gerne, alleine am Schreibtisch zu Hause zu sitzen. Inzwischen finde ich es schön, alleine unter Menschen im Café zu sitzen. Das ist für mich schreibanregend und komischerweise fühle ich mich nicht abgelenkt. Ganz im Gegenteil. Die Geräuschkulisse, das Murmeln und selbst die Musik empfinde ich als angenehm. Die Tasse Espresso ist mein Ritual, um mit dem Schreiben anzufangen. Ich schreibe solange der Akku des Laptops mitmacht, das gibt mir ein ganz gutes Zeitlimit vor.

Um mich herum tippen viele an ihren Laptops. Wenn ich die Schreibenden anblicke, fällt mir ihre ungünstige Sitzhaltung, runder Buckel, vorgeschobene Schultern, auf.  Das ist dann ein guter Anlass, meine eigene Sitzhaltung zu korrigieren.

Für unterschiedliche Phasen des Schreibens nutze ich unterschiedliche Orte: Bibliotheken finde ich gut, weil dort konzentriertes Arbeiten in Ruhe am Besten möglich ist.

Im Sommer finde ich es schön, draußen zu sein und z. B. im Gras zu sitzen und einen Text Korrektur zu lesen.

Eine Zeitlang habe ich passend zum Inhalt des Geschriebenen, die passende Location gesucht. Das war lustig, denn eine Szene spielte im Dachgeschoss und die habe ich auf einer Dachterrasse geschrieben.

Mein Lieblingscafé empfinde ich wie ein zweites Zuhause.

Was ist dein Lieblingsort zum Schreiben?

 

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Bibliotherapie

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Von Erich Kästner gibt es eine “Lyrische Hausapotheke”. Warum das Lesen von Gedichten heilsam sein könnte, begründet er so: „Die Formulierung, die Verallgemeinerung, die Antithese, die Parodie und die übrigen Variationen der Maßstäbe und der Empfindungsgrade, alles das sind bewährte Heilmethoden. (…) Die Katharsis ist älter als ihr Entdecker und nützlicher als ihre Interpreten.

Ein recht aktuelles Buch, “Die Romantherapie” von Ella Berthoud und Susan Elderkin, wirbt sogar folgendermaßen: “Bücher auf Rezept: Fallada für die Hoffnungslosen, Tolstoi bei Zahnweh (und, ja, natürlich auch bei Ehebruch) und Schiffbruch mit Tiger in ausweglosen Situationen – die Romantherapie kennt für jede Lebenslage das richtige Buch. Ob Sie an Kaufsucht oder Liebesmangel leiden, ihre Nase hassen, zu wenig Sex haben oder einfach hoffnungslos eitel sind, bei alldem hilft nur eins: der richtige Roman.“*

Und dann stieß ich vor geraumer Zeit auf der Webseite eines Medizinischen Versorgungszentrums auf das Angebot “Bibliotherapie”, klickte ganz neugierig auf den Link und stellt dann fest, dass damit das Lesen von Ratgeberbüchern gemeint war.

Was haben nun die “Romantherapie”, die “Lyrische Hausapotheke” und die Ratgeberliteratur mit Bibliotherapie zu tun?

Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Bibliotherapie einfach nur das Heilen mit Büchern. Eine mögliche Definition für Bibliotherapie ist, das Lesen von empfohlener Literatur zur Unterstützung von therapeutischen Prozessen in Medizin und Psychotherapie. Die Bandbreite reicht tatsächlich von Selbsthilfe- oder Fachliteratur, über das Lesen von Lyrik oder Prosa bis hin zu Texten, die von anderen Patienten (z. B. im Rahmen einer Schreibgruppe) verfasst wurden oder als „Schicksalsberichte“ gedruckt vorliegen.

Der Psychotherapeut Nossrat Peseschkian (1976) hat im Rahmen der von ihm entwickelten Positiven Psychotherapie Klienten häufig fiktive Geschichten angeboten. Er ging von folgenden Mechanismen aus, die eine Entwicklung bei Klienten durch das Lesen der Geschichten anregen:

  • Klienten können sich mit der Geschichte identifizieren
  • Sie erkennen dadurch eigene Probleme oder Bedürfnisse
  • Die Geschichte zeigt modellhafte Lösungswege
  • Die Bildhaftigkeit von Geschichten macht sie gut versteh- und erinnerbar 
  • Geschichten bieten eine milde Art von Konfrontation
  • Geschichten bilden transkulturelle und traditionsübergreifende Wertvorstellungen ab.

Letztlich kann Bibliotherapie auch als “Lernen am Modell” verstanden werden. Das Lesen kann neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Silke Heimes (2012) sieht die Bibliotherapie als Bestandteil der Poesietherapie bzw. des therapeutischen Schreibens. Kreativen Schreibprozessen geht ja häufig das Lesen von Texten voraus, zum Beispiel wenn ein Text als Schreibimpuls gegeben wird. Gleichzeitig kann das Lesen und Besprechen von Texten auch als Teil eines therapeutischen Gesprächs in der Gruppe oder im Zweier-Setting (Therapeutin/Klientin) gesehen werden.

Unklar ist allerdings, nach welchen Kriterien die bibliotherapeutisch genutzte Literatur ausgewählt werden soll. Aus poesietherapeutischer Sicht finden sich Hinweise wie die von Leedy (2009), nämlich ein Gedicht danach auszuwählen, dass es der Stimmung von Patienten entspricht. Empirische Befunde liegen hier – meinen bisherigen Recherchen nach – jedoch nicht vor. Für depressive Patienten käme nach der Ansicht von Leedy (2009) ein eher melancholisches Gedicht in Frage. Zu düster darf es aber auch nicht sein, damit keine Hoffnungslosigkeit aufkommt.*

Es ist klar, dass das sehr vage und wenig überprüfte Angaben sind. In einem therapeutischen bzw. an der Selbsterfahrung orientierten Setting wird es sicherlich von der Gruppe, dem Gruppenleiter oder der Therapeutin abhängen, welche Auswahl an Literatur erfolgt. Insofern ist es auch nicht abwegig, für das eigene Schreiben und Lesen Anregungen aus Büchern wie der o. g.  “Romantherapie” oder der “Lyrischen Hausapotheke” zu holen.

Quellen:

*Berthoud E., Elderkin S. & Bünger T. (2013) Die Romantherapie. 253 Bücher für ein besseres Leben. Berlin: Suhrkamp-Verlag.

*Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/die_romantherapie-traudl_buenger_17589.html

*Kästner E. (2011) Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. München: DTV. Seite  7.

*Peseschkian N. (1976) Der Kaufmann und der Papagei. Orientalische Geschichten als Medien in der Psychotherapie. Mit Fallbeispielen zur Erziehung und Selbsthilfe. Frankfurt: Fischer.

*Heimes S. (2012) Warum Schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

*Leedy J. (2009) Prinzipien der Poesietherapie. In: Petzold H. & Orth I. (Hrsg.) Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache. Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten. Bielefeld: Edition Sirius. S. 243-247.

Automatisches Schreiben

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“I write because I don’t know what I think until I read what I say.”

(“Ich schreibe, weil ich nicht weiß, was ich denke bis ich lese, was ich sage.”)

So hat es die amerikanische Schriftstellerin Mary Flannery O’Connor einmal formuliert. Am Schreiben ist faszinierend, dass wir einerseits unsere Gedanken aufschreiben, und dann wechseln wir die Rolle und lesen, was wir geschrieben haben.

Das automatische Schreiben lehnt sich an die Methode der freien Assoziation aus der Psychoanalyse an. Das heißt, es wird ohne Zensur oder Fokussierung alles aufgeschrieben, was im Augenblick des Schreibens auf das Papier fließt. Der entstehende Text wird – in nach dieser Theorie – als Zeugnis der eigenen inneren Welt gesehen.

Der französische Psychiater Pierre Janet wandte das automatische Schreiben gezielt als therapeutische Methode an. Unbewusste Gefühle und Gedanken sollten durch das Schreiben (in Trance bzw. Hypnose) auf das Papier fließen. Durch das Lesen des eigenen Texten wird dem Schreibenden dann bewusst, was er gedacht hat.

Im Surrealismus und Dadaismus galten die durch automatisches Schreiben entstandenen Texte, die frei und ohne Zensur und Regeln geschrieben wurden, als eigene Kunstform. Es entstehen meist sehr originelle Texte, über die Schreibende sich oft selber wundern…