Expressives Schreiben

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Der amerikanische Psychologie-Professor James W. Pennebaker* hat sich damit beschäftigt, wie Traumata verarbeitet werden. Neben Persönlichkeitsfaktoren und genetischer Disposition sind es Copingstrategien (also der Umgang mit dem traumatischen Erlebnis), die bei der Verarbeitung eines Traumas helfen können.

In einer ersten Studie von 1986 ordnete er Studenten und Studentinnen per Zufallsprinzip zwei Gruppen zu. Die eine Gruppe sollte über ein traumatisches Ereignis schreiben, die andere über ein oberflächliches Thema (zum Beispiel ihre Zeitplanung). Zeit: 15 Minuten, an vier aufeinander folgende Tage.

In weiteren Studien probierte er unterschiedliche Settings aus. Die Schreibzeit variierte zwischen 10 – 30 Minuten. Es wurde an 2,3, 4 oder 5 Tagen geschrieben oder vier Wochen lang an jeweils nur einem Wochentag. Auch inhaltlich wurde das Thema erweitert, es konnte über emotional sehr bewegende Erlebnisse geschrieben werden (das Trauma stand nicht mehr so im Fokus).

Die Wirkung wurde in der ersten Studie an der Zahl der Arztbesuche gemessen. In weiteren Studien wurde mit einem Fragebogen gearbeitet. Auch neuroimmunologische Parameter wurden untersucht.

Die Ergebnisse sind meines Erachtens nicht so eindeutig und mit Vorsicht zu bewerten: manche Studien zeigten, dass eher “gesunde” Klientinnen vom expressiven Schreiben profitierten, dann wiederum profitierten zwar sehr belastete Studienteilnehmer, aber insgesamt ist der Effekt nicht höher als bei anderen psychologischen Interventionen wie Beratung und Gespräch. Ungeklärt bleibt auch, was Schreiben dem Sprechen voraus haben könnte. Die Interpretation der Immunparameter ist auch viel zu komplex als dass die Aussage “expressives Schreiben verbessert die Immunlage” Sinn machen könnte.

Schreiben fand und findet sich immer schon in vielen therapeutischen Ansätzen. Pennebakers systematische Erforschung des expressiven Schreibens hat dafür gesorgt, dass dieses Konzept anerkannt und auch überhaupt bekannt wurde. Ich persönlich finde das expressive Schreiben ein wenig arg reguliert, es schränkt Menschen, die gerne fantasievoller und biografisch schreiben unter Umständen ein. Außerdem war es schon immer die Poesie und das Spielen mit Worten, die es Menschen ermöglicht hat, auch über schwierige und belastende Erfahrungen zu schreiben. Das kommt beim expressiven Schreiben unter Umständen zu kurz.

* Der Übersichtsartikel ist hier abrufbar: http://homepage.psy.utexas.edu/homepage/faculty/pennebaker/reprints/Pennebaker&Chung_FriedmanChapter.pdf

Information zu seinem Lehrbuch findet sich auch in einer Rezension in der Psychologie Heute

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