Bei Schreibblockaden hilft Schreiben

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“Ich habe eine Schreibblockade.”

Okay. Reden wir über Schreibblockaden. Jede und Jeder, die und der schreibt, vor allem längere Texte schreiben will oder muss, kennt sie: Die Schreibblockade. Writer’s block. Die Angst vor dem weißen Blatt. Der gruselige weiße Bildschirm am Laptop.

(Es mag Glückliche geben, die sie nicht kennen. Mögen sie sich glücklich schätzen.)

Schreibblockaden können sehr unterschiedlich aussehen. Für die einen ist es bereits eine “Schreibblockade”, wenn sie eher lustlos am Schreibtisch sitzen und nur langsam vorankommen. Bei anderen geht gar nichts mehr, sie schreiben nicht. Obwohl sie müssten oder wollten.

Ich möchte Ihnen folgende Überlegung auf den Weg geben:

Schreiben erfordert Inspiration (Ideen, gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema etc.) und Handwerk.

Die handwerkliche Seite (Aufbau, Regeln, Stil etc.) lässt sich gut erlernen.
Die Inspiration ist natürlich nicht jeden Tag gleichermaßen vorhanden.
Ganz ehrlich: Schreiben macht nicht immer Spaß und kann auch manchmal langweilig sein. Zum Glück ist es nicht immer so, aber manchmal eben doch.

Daraus folgen für mich drei mögliche Ansatzpunkte:

  1. Akzeptieren von “Durststrecken”
    Wer sie akzeptiert, ist oft schon einen Schritt weiter. Gerade bei längeren Schreibprojekten gehören sie dazu. (Eine realistische Arbeits- und Zeitplanung kann hier helfen; kreative Methoden können den Spaß am Schreiben wieder aufleben lassen)
  2. Überdenken der Anspruchshaltung
    Die Angst, nicht fertig zu werden und  eigenen (oder fremden) Ansprüchen nicht zu genügen, wirkt sich hemmend auf das Schreiben aus. (Am Besten ist es, sich den Ängsten zu stellen, sie auszusprechen oder aufzuschreiben und mit anderen Menschen darüber zu sprechen).
  3. Dranbleiben am Schreiben
    Schreibblockaden können sich durch Schreiben lösen.
    Daher der Rat: Schreiben Sie.Nehmen Sie ein Blatt Papier, schalten Sie das Laptop an und los geht es.Schreiben Sie über das Schreiben und die Schreibblockade. Ungefiltert und ehrlich. Warum schreiben Sie nicht? Warum fällt Ihnen gerade jetzt das Schreiben schwer? Was verbinden Sie mit diesem Schreibprojekt?  Nur fünf Minuten. Das reicht für den Anfang. Oder, wenn Sie mögen, legen Sie sich ein Heft an mit dem Titel  “Alles über meine Schreibblockade”. Wie sieht sie aus? Ist sie überhaupt eine sie? Was möchte sie? Hat sie auch nette Seiten? Was will sie? Wie heißt sie?

 

Meine Schreibblockade heißt übrigens Roswitha. Warum auch immer. Und das Mittel, das gegen sie hilft heißt “Schreibblockad-Ex”. Ist in einer Flasche, die aussieht wie gewöhnliches Tipp-Ex. Leider meistens ausverkauft in allen Schreibwarenläden und Apotheken. Wahrscheinlich, weil es aus den vielen Tränen von Schriftstellerinnen und Journalisten hergestellt werden muss, die sie vor Freude weinen, wenn sie ihre Schreibblockaden überwunden haben. Also sehr kompliziertes Herstellungsverfahren, dementsprechend teuer. 

 

 

 

 

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Schreibtypen

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Menschen sind verschieden. Auch in Sachen Schreiben.

Manchen gibt Struktur Sicherheit, die anderen langweilt und hemmt zu viel Struktur.

Manche können ohne Gliederung (oder im literarischen Bereich ohne “Vorplotten”) gar nicht erst anfangen zu schreiben. Andere fühlen sich schnell eingeschränkt durch zu viele Pläne und Vorgaben.

In der Schreibpädagogik wird deshalb zwischen verschiedenen “Schreibtypen” unterschieden. Meistens läuft es auf die Kategorien “Planen” versus “Drauflosschreiben” hinaus und natürlich gibt es viele “Schreibtypen”, die eher so dazwischen liegen. Dazu kommt, dass viele Phasen des Schreibens und auch viele Texttypen jeweils mehr Planung oder mehr freies Schreiben einfordern.

Beide Schreibtypen haben – wie so vieles im Leben – Vorteile und Nachteile.

Vorteil des Planens: Wer plant, hat von Anfang an einen “Fahrplan”, an dem er/sie sich orientieren kann.
Nachteil: Das Schreiben kann zäh werden. Manchmal steht da eine wunderbare Gliederung im Raum, aber der Text lässt auf sich warten, die entscheidende Schreibidee bleibt aus …

Vorteil des “Drauflosschreibens”: Es fällt leichter anzufangen, weil man den eigenen Einfällen folgen kann.
Nachteil: Die Übersicht fehlt irgendwann, die Gefahr des Verzettelns ist groß.

Günstig ist es, sich selbst zu kennen und vor allem die eigene Art des Schreibens zunächst zu akzeptieren. Fehlende oder vernachlässigte Aspekte lassen sich ergänzen.

Planer_innen können zum Beispiel durch kreative Methoden wieder mehr Leichtigkeit in ihr Schreiben holen und Schreibblockaden vorbeugen.  Durch das Führen eines Schreibjournals können sie Ideen und Einfälle sammeln oder durch Freewriting den Schreibfluss wieder in Gang bringen.

“Drauflosschreiber_innen” können sich mit kreativen Visualisierungtechniken beschäftigen, um nachträglich Ordnung und Struktur in ihren Text bringen. Ein Cluster zeigt vielleicht eine erste Ordnungsweise, die passen könnte. Noch genauer und mehr in Richtung Gliederung geht ein Mindmap. Oder kreativer: den eigenen Text als Weg aufmalen und die wichtigsten Stationen aufzuzeigen.

Wie bei vielen Dingen im Leben geht es darum, die für eine/n selbst richtige Balance zu finden. Dann klappt es ganz gut mit dem Schreiben.

 

 

 

Ein Buch kann eine Brücke sein…

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Kürzlich stieß ich auf eine Zusammenfassung Der Schreibprozess nach Otto Kruse vom Schreibzentrum der Uni Frankfurt. Das Bild hat mir gut gefallen, erinnert es mich doch an die Berliner Ringbahn. Jeder Arbeitsschritt eine S-Bahn-Haltestelle. Vom “leeren Blatt” bis zur abgabereifen Endversion einmal den ganzen Ring herum fahren…. das lässt die lange Strecke eigentlich ganz übersichtlich wirken.

Unter den vielen, vielen Büchern zum wissenschaftlichen Schreiben ist der Klassiker von Otto Kruse “Keine Angst vor dem leeren Blatt” immer noch mein Favorit. Kruse gibt einfach einen sehr guten Überblick über alle Aspekte des wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens – von der Hausarbeit bis zur Abschlussarbeit.*

Ich bin immer wieder überrascht, dass viele Studierende gar nicht von selbst auf die Idee kommen, sich ein Buch zum wissenschaftlichen Arbeiten auszuleihen oder anzuschaffen.

Dabei ist es eigentlich naheliegend und empfehlenswert.

Warum?

Ein Buch ist übersichtlicher als die unzähligen Internet-Einträge, die zu den typischen Themen auftauchen.

Ein Buch kann ein Begleiter durch das ganze Studium sein – von der Erstellung eines Referates, über die Hausarbeiten bis zur Abschlussarbeit.

Ein Buch stellt ein gutes erstes Übungsfeld zum wissenschaftlichen Arbeiten dar. Lesen, Zusammenfassen, Unterstreichen, Markieren, das Wesentliche Herausarbeiten – das sind alles Arbeitsprozesse, die sich gut üben lassen.

Welches Buch passt am Besten?

Das Buch sollte natürlich zum eigenen Studiengebiet passen oder zumindest auf die unterschiedlichen Anforderungen in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeitsgebieten eingehen.

Darüber hinaus sollte der Stil des Buches zu den eigenen Lesegewohnheiten passen. Hier sind die Geschmäcker sehr verschieden. Manche mögen es eher kurz und kompakt, manche kreativ und erzählerisch.

Am Besten Sie leihen sich verschiedene Bücher aus und probieren aus, mit welchem Sie gut arbeiten können. Wenn sich eines als “Lieblingsbuch” herauskristallisiert, kann es sich lohnen, ein eigenes Exemplar anzuschaffen.

In der Regel haben aber sowohl öffentliche als auch Uni- bzw. Hochschulbibliotheken zahlreiche und genügend verfügbare Exemplare von älteren und aktuellen Büchern über das wissenschaftliche Schreiben.

Literatur:

*Kruse O. (2008) Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durch das Studium. 12. Auflage. Campus-Verlag.

Expressives Schreiben

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Der amerikanische Psychologie-Professor James W. Pennebaker* hat sich damit beschäftigt, wie Traumata verarbeitet werden. Neben Persönlichkeitsfaktoren und genetischer Disposition sind es Copingstrategien (also der Umgang mit dem traumatischen Erlebnis), die bei der Verarbeitung eines Traumas helfen können.

In einer ersten Studie von 1986 ordnete er Studenten und Studentinnen per Zufallsprinzip zwei Gruppen zu. Die eine Gruppe sollte über ein traumatisches Ereignis schreiben, die andere über ein oberflächliches Thema (zum Beispiel ihre Zeitplanung). Zeit: 15 Minuten, an vier aufeinander folgende Tage.

In weiteren Studien probierte er unterschiedliche Settings aus. Die Schreibzeit variierte zwischen 10 – 30 Minuten. Es wurde an 2,3, 4 oder 5 Tagen geschrieben oder vier Wochen lang an jeweils nur einem Wochentag. Auch inhaltlich wurde das Thema erweitert, es konnte über emotional sehr bewegende Erlebnisse geschrieben werden (das Trauma stand nicht mehr so im Fokus).

Die Wirkung wurde in der ersten Studie an der Zahl der Arztbesuche gemessen. In weiteren Studien wurde mit einem Fragebogen gearbeitet. Auch neuroimmunologische Parameter wurden untersucht.

Die Ergebnisse sind meines Erachtens nicht so eindeutig und mit Vorsicht zu bewerten: manche Studien zeigten, dass eher “gesunde” Klientinnen vom expressiven Schreiben profitierten, dann wiederum profitierten zwar sehr belastete Studienteilnehmer, aber insgesamt ist der Effekt nicht höher als bei anderen psychologischen Interventionen wie Beratung und Gespräch. Ungeklärt bleibt auch, was Schreiben dem Sprechen voraus haben könnte. Die Interpretation der Immunparameter ist auch viel zu komplex als dass die Aussage “expressives Schreiben verbessert die Immunlage” Sinn machen könnte.

Schreiben fand und findet sich immer schon in vielen therapeutischen Ansätzen. Pennebakers systematische Erforschung des expressiven Schreibens hat dafür gesorgt, dass dieses Konzept anerkannt und auch überhaupt bekannt wurde. Ich persönlich finde das expressive Schreiben ein wenig arg reguliert, es schränkt Menschen, die gerne fantasievoller und biografisch schreiben unter Umständen ein. Außerdem war es schon immer die Poesie und das Spielen mit Worten, die es Menschen ermöglicht hat, auch über schwierige und belastende Erfahrungen zu schreiben. Das kommt beim expressiven Schreiben unter Umständen zu kurz.

* Der Übersichtsartikel ist hier abrufbar: http://homepage.psy.utexas.edu/homepage/faculty/pennebaker/reprints/Pennebaker&Chung_FriedmanChapter.pdf

Information zu seinem Lehrbuch findet sich auch in einer Rezension in der Psychologie Heute

Bibliotherapie

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Von Erich Kästner gibt es eine “Lyrische Hausapotheke”. Warum das Lesen von Gedichten heilsam sein könnte, begründet er so: „Die Formulierung, die Verallgemeinerung, die Antithese, die Parodie und die übrigen Variationen der Maßstäbe und der Empfindungsgrade, alles das sind bewährte Heilmethoden. (…) Die Katharsis ist älter als ihr Entdecker und nützlicher als ihre Interpreten.

Ein recht aktuelles Buch, “Die Romantherapie” von Ella Berthoud und Susan Elderkin, wirbt sogar folgendermaßen: “Bücher auf Rezept: Fallada für die Hoffnungslosen, Tolstoi bei Zahnweh (und, ja, natürlich auch bei Ehebruch) und Schiffbruch mit Tiger in ausweglosen Situationen – die Romantherapie kennt für jede Lebenslage das richtige Buch. Ob Sie an Kaufsucht oder Liebesmangel leiden, ihre Nase hassen, zu wenig Sex haben oder einfach hoffnungslos eitel sind, bei alldem hilft nur eins: der richtige Roman.“*

Und dann stieß ich vor geraumer Zeit auf der Webseite eines Medizinischen Versorgungszentrums auf das Angebot “Bibliotherapie”, klickte ganz neugierig auf den Link und stellt dann fest, dass damit das Lesen von Ratgeberbüchern gemeint war.

Was haben nun die “Romantherapie”, die “Lyrische Hausapotheke” und die Ratgeberliteratur mit Bibliotherapie zu tun?

Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Bibliotherapie einfach nur das Heilen mit Büchern. Eine mögliche Definition für Bibliotherapie ist, das Lesen von empfohlener Literatur zur Unterstützung von therapeutischen Prozessen in Medizin und Psychotherapie. Die Bandbreite reicht tatsächlich von Selbsthilfe- oder Fachliteratur, über das Lesen von Lyrik oder Prosa bis hin zu Texten, die von anderen Patienten (z. B. im Rahmen einer Schreibgruppe) verfasst wurden oder als „Schicksalsberichte“ gedruckt vorliegen.

Der Psychotherapeut Nossrat Peseschkian (1976) hat im Rahmen der von ihm entwickelten Positiven Psychotherapie Klienten häufig fiktive Geschichten angeboten. Er ging von folgenden Mechanismen aus, die eine Entwicklung bei Klienten durch das Lesen der Geschichten anregen:

  • Klienten können sich mit der Geschichte identifizieren
  • Sie erkennen dadurch eigene Probleme oder Bedürfnisse
  • Die Geschichte zeigt modellhafte Lösungswege
  • Die Bildhaftigkeit von Geschichten macht sie gut versteh- und erinnerbar 
  • Geschichten bieten eine milde Art von Konfrontation
  • Geschichten bilden transkulturelle und traditionsübergreifende Wertvorstellungen ab.

Letztlich kann Bibliotherapie auch als “Lernen am Modell” verstanden werden. Das Lesen kann neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Silke Heimes (2012) sieht die Bibliotherapie als Bestandteil der Poesietherapie bzw. des therapeutischen Schreibens. Kreativen Schreibprozessen geht ja häufig das Lesen von Texten voraus, zum Beispiel wenn ein Text als Schreibimpuls gegeben wird. Gleichzeitig kann das Lesen und Besprechen von Texten auch als Teil eines therapeutischen Gesprächs in der Gruppe oder im Zweier-Setting (Therapeutin/Klientin) gesehen werden.

Unklar ist allerdings, nach welchen Kriterien die bibliotherapeutisch genutzte Literatur ausgewählt werden soll. Aus poesietherapeutischer Sicht finden sich Hinweise wie die von Leedy (2009), nämlich ein Gedicht danach auszuwählen, dass es der Stimmung von Patienten entspricht. Empirische Befunde liegen hier – meinen bisherigen Recherchen nach – jedoch nicht vor. Für depressive Patienten käme nach der Ansicht von Leedy (2009) ein eher melancholisches Gedicht in Frage. Zu düster darf es aber auch nicht sein, damit keine Hoffnungslosigkeit aufkommt.*

Es ist klar, dass das sehr vage und wenig überprüfte Angaben sind. In einem therapeutischen bzw. an der Selbsterfahrung orientierten Setting wird es sicherlich von der Gruppe, dem Gruppenleiter oder der Therapeutin abhängen, welche Auswahl an Literatur erfolgt. Insofern ist es auch nicht abwegig, für das eigene Schreiben und Lesen Anregungen aus Büchern wie der o. g.  “Romantherapie” oder der “Lyrischen Hausapotheke” zu holen.

Quellen:

*Berthoud E., Elderkin S. & Bünger T. (2013) Die Romantherapie. 253 Bücher für ein besseres Leben. Berlin: Suhrkamp-Verlag.

*Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/die_romantherapie-traudl_buenger_17589.html

*Kästner E. (2011) Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. München: DTV. Seite  7.

*Peseschkian N. (1976) Der Kaufmann und der Papagei. Orientalische Geschichten als Medien in der Psychotherapie. Mit Fallbeispielen zur Erziehung und Selbsthilfe. Frankfurt: Fischer.

*Heimes S. (2012) Warum Schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

*Leedy J. (2009) Prinzipien der Poesietherapie. In: Petzold H. & Orth I. (Hrsg.) Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache. Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten. Bielefeld: Edition Sirius. S. 243-247.

Das Schreiben und das Immunsystem

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In einer der ersten Studien von Pennebaker zum Expressiven Schreiben (ES) zeigte sich, dass die ES-Gruppe unmittelbar nach dem Schreiben einen höheren Blutdruck und schlechtere Stimmung aufwies, nach sechs Monaten aber weniger Arztbesuche hatte. In weiteren Experimenten wurde dann ein positiver Verlauf in folgender Hinsicht berichtet: Teilnehmer berichteten weniger Symptome, fühlten sich weniger ängstlich und depressiv, fühlten sich subjektiv wohler und – gemessen durch klinische Parameter – wiesen verbesserte Immunparameter wie z. B. eine höhere Anzahl an T-Helferzellen auf.

Eine weitere Studie führte eine Messung des Antikörper-Titer für das Epstein-Barr-Virus durch. Je niedriger dieser ist, desto weniger aktiv ist das Virus (viele Menschen tragen das Virus ohne Symptomatik in sich, in stressigen Zeiten kann es aktiv werden; je niedriger der Antikörper-Wert desto weniger aktiv ist das Virus). Gemessen wurde auch die Wirkung von ES bei einer Hepatitis-B-Impfung (signifikant bessere Impfimmunisierung bei Personen, die über traumatische Erlebnisse schrieben) und sogar bei HIV-positiven Teilnehmern (wobei in u. g. Artikel nicht hervorgeht, ob die beide Gruppen – Schreib- und Kontrollgruppe – Medikamente nahmen; in diesem Fall hätte das ES dazu beigetragen, dass medikamentenunterstützt der Anstieg der CD4+Lymphozyten in der ES-Gruppe stärker war).

Die Ergebnisse sollten kritisch betrachtet werden. Das Immunsystem ist viel zu komplex, um davon ausgehen zu können, dass erhöhte Immunaktivität automatisch eine positive Veränderung der Immunlage bedeutet. Darüber hinaus: Einen Unterschied in den Immunparameter festzustellen ist die eine Sache, damit ist aber noch lange nicht erklärt, ob dieser Unterschied Relevanz hat.

 

 

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Verwendete Literatur:

Christian Schubert (Hrsg.) Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Schattauer-Verlag, Stuttgart. 2011.

Andrea B. Horn, Matthias R. Mehl, Fenne große Deters (2011) Expressives Schreiben und Immunaktivität – gesundheitsfördernde Aspekte der Selbstöffnung. In: Christian Schubert (Hrsg.) Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Schattauer-Verlag, Stuttgart. 2011. S. 208-227.

 

Feedback

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Feedback ist wichtig. Schreiben ist ein einsamer Job. Zu hören, was andere über die Texte sagen, die man schreibt, kann Ansporn sein. Manchmal ist es auch ernüchternd. Feedback ist eine zweischneidige Sache. Man wünscht sich möglichst positive Resonanz, aber es soll ja auch ehrlich sein. Was es nützt es einem, wenn alle nur “ja, ja, ganz nett” sagen? Aber manche Kritik würde man sich auch lieber ersparen. Wenn sie ein Rundumschlag ist und danach das Gefühl aufkommt, an diesem Text ist Hopfen und Malz verloren. Wo liegt das richtige Maß?

In den meisten Fortbildungen, die ich erlebt habe, wurde beim Thema “Feedback” auf die so genannte Sandwich-Methode verwiesen. Kurz und vereinfacht gesagt bedeutet “Sandwich”-Methode, dass man bei einer Rückmeldung (z. B. in einer Schreibgruppe) zunächst etwas Positives, dann etwas eher Kritisches und am Schluss wieder etwas Positives äußert. Im pädagogischen Bereich wird dies auch “Bonbon”-Methode genannt, wenn eine kritische Rückmeldung in eine positiv-lobende “Verpackung” gesteckt wird. In der Schule hört sich das oft so an: “Ich sehe, dass du dich sehr bemüht hast und der Gedanke ist sehr interessant. Eigentlich lautet die Antwort aber ….“. Auf jeden Fall ist dies netter als die Aussage: “Setzen. Sechs.” Die Kritik wird der Schüler trotzdem heraushören. Genauso ist das mit dem “Ja, ja, dein Text ist ganz nett.” Leider haftet allen Feedback- und Kommunikations-Techniken (z. B. den berühmten Reden in “Ich-Botschaften”) immer etwas Künstliches und Aufgesetztes an. Das liegt oft daran, dass die Haltung eine andere ist, als die Technik, die verwendet wird.

Wenn im pädagogischen Bereich oder in der Literaturszene die Meinung vorherrscht, es ginge um Auslese – nach welchen Kriterien auch immer – , dann ist es eigentlich egal, wie schön ich meine Kritik verpacke. Der Text wird dann nicht individuell gesehen, sondern nur im Vergleich mit anderen Texten. Wenn ich jedoch der Meinung bin, dass in jedem Menschen und in jedem Text ein Potenzial schlummert, dann muss ich mich nicht an eine bestimmte Feedback-Technik klammern, dann ist mein Wohlwollen den Schreibenden und ihren Texten gegenüber ehrlich. Ich muss nicht heucheln, sondern kann mich einfach darauf konzentrieren, an welchen Stellen der Text weitergeführt werden kann. Diese Art des Feedbacks, die an der Ausbaufähigkeit und dem Potenzial des Textes ansetzt, ist übrigens wesentlich anspruchsvoller als eine Kritik, die sich den Schwachstellen widmet. 

Psychologie, Medizin, Psychotherapie

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Ich muss immer schmunzeln, wenn Leute “zum Psychologen” oder “zur Psychologin” gehen. Psychologin bzw. eigentlich genauer Diplom-Psychologin ist erst einmal “nur” ein akademischer Abschluss, den man nach einem Psychologie-Studium erworben hat. Es ist nicht so, dass Psychologinnen automatisch Psychotherapeutinnen sind.

Seit das “Psychotherapeutengesetz” (Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten PsychThG) existiert, also seit 1998, dürfen sich nur diejenigen Psychologinnen und Psychologen, die eine 3-5 jährige Weiterbildung in tiefenpsychologischen, psychoanalytischen oder verhaltenstherapeutischen Psychotherapieverfahren nachweisen können, als “Psychologische Psychotherapeutinnen” bezeichnen.

Diese Weiterbildung ist allerdings nur für Diplom-Psychologinnen (ob ein Bachelor-Abschluss reicht, ist immer wieder umstritten) vorgesehen. Sie können nach Abschluss eine Approbation erhalten, womit sie dann von der Psychotherapeutenkammer offiziell zugelassen sind. Wenn sie darüber hinaus einen Kassensitz bekommen, können sie dann mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Für den Kinder- und Jugendlichenbereich wurden die Berufsgruppen, die zur Weiterbildung zugelassen sind, erweitert. Hier können auch Sozialpädagoginnen oder Lehrerinnen als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten approbiert werden.

Klingt das kompliziert? Ja. Irgendwie schon.

Im Grunde heißt das:

Psychologinnen sind nicht automatisch Psychotherapeutinnen.
Nur Diplom-Psychologinnen können Psychologische Psychotherapeutinnen werden.
Als Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen können auch andere Berufsgruppen anerkannt werden.

Und: Es gibt auch die von Ärzten ausgeübte Psychotherapie!

Bei Ärztinnen und Ärzte war historisch bedingt die Psychoanalyse eine beliebte Therapieform. Freud war schließlich Arzt und die ersten Psychoanalytiker/innen waren Mediziner. Allerdings gab es damals durchaus auch eine Offenheit für andere Berufsgruppen. Mit der zunehmenden Professionalisierung der Psychotherapie hat sich die Psychoanalyse nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und auch in Deutschland sehr stark an die Medizin gebunden.

Akademisch ausgebildete Psychologinnen und Psychologen standen traditionell eher der Verhaltenstherapie und Gesprächspsychotherapie nahe. Das hängt wiederum historisch damit zusammen, dass die Psychologie als akademische Disziplin sehr darum kämpfte, als Naturwissenschaft anerkannt zu werden. Die experimentell ausgerichtete Theoriebildung der frühen Verhaltenstherapie kam diesem Bedürfnissen mehr entgegen, als die überwiegend auf Falldarstellungen beruhenden theoretischen Annahmen der Psychoanalyse.

Psychotherapie ist übrigens kein geschützter Begriff. Genauso wenig wie der Begriff “Therapie”. Letzterer bedeutet lediglich “Behandlung”. Viele “Nicht-Psychologen” oder “Nicht-Ärzte” ohne entsprechende Weiterbildung arbeiten psychotherapeutisch. Viele nennen sich “Heilpraktiker/innen für Psychotherapie” oder “Heilpraktiker (HPG”). Das wird auch oft der “kleine Heilpraktikerschein” genannt. Ich habe den übrigens auch, weil Diplom-Psychologinnen den auf Antrag ohne Prüfung bekommen. Weil ich neugierig war, habe ich ihn beim Amtsarzt beantragt. Nach einem kurzen Gespräch und Zahlen einer Summe, die ich nicht mehr im Kopf habe, bekam ich dieses Zertifikat. Das ist insofern berechtigt, weil ich zum Erwerb des Diploms bereits eine Prüfung in klinischer Psychologie und in Psychiatrie absolviert habe. Was der “Heilpraktikerschein” allerdings genau aussagt, ist mir nicht ganz klar geworden.

Nicht-Psychologinnen und Nicht-Mediziner müssen jedenfalls eine Prüfung machen, um ihn zu bekommen. Es soll sicher gestellt sein, dass sie schwerwiegende psychische Erkrankungen rechtzeitig erkennen und solche Patienten lieber an Medizin oder Psychologische Psychotherapie verweisen.

Hinter allen diesen geschützten und nicht geschützten Begriffen stecken letztlich berufsständische Interessen. Jemand, der wirklich lange Jahre in Ausbildung war, um einen bestimmten Wissensstand zu erwerben, möchte nicht mit jemandem “in einen Topf geworfen werden”, der ein paar Kurse gemacht hat und dann Psychotherapie betreibt. Das finde ich nachvollziehbar, vor allem angesichts der enormen Verantwortung.

Andererseits ist es meiner Erfahrung nicht so, dass lange Ausbildungen und hohe finanzielle Investitionen automatisch “gute Psychotherapeuten” hervorbringen. Dazu kommt, dass sich der Erfolg von Psychotherapien gar nicht so einfach messen lässt. Genau wie Krankheiten aus sehr vielen verschiedenen Gründen entstehen können, also multifaktoriell zu sehen sind, ist Heilung, gerade bei psychischen Problemen, ebenso facettenreich und komplex. Und überhaupt: Heilung ist ein hoher Anspruch. Manchmal ist ja bereits eine Linderung ein schöner Erfolg.

Wen diese Entwicklung von Psychologie und Psycholanalyse aus historischer Sicht interessiert, findet hier zwei Hinweise auf geeignete Literatur zum Weiterlesen:

Ulfried Geuter: Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus. Suhrkamp-Verlag.

Regine Lockot: Erinnern und Durcharbeiten: Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Psychosozial-Verlag.

Serielles Schreiben

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Das “serielle Schreiben” ist eine Schreibmethode des biografischen Schreibens. Kurz gesagt lässt man eine Serie von Sätzen mit denselben Worten anfangen. Das Wiederholen kann satzweise oder absatzweise erfolgen, bei längeren Texten kann es sich auch auf Kapitel beziehen, die immer gleich anfangen.

Von Werder, Schulte-Steinicke & Schulte (2011) meinen, dass diese Art des Schreibens die Aufmerksamkeit auf das Erinnern lenkt und damit gleichzeitig auf ein Thema fokussiert ist. Das Wiederholen von Satzanfängen ähnelt einer Selbstsuggestion und hilft damit, immer tiefer in die Erinnerung einzutauchen und innere Bilder zu entwickeln.

Vorgeschlagen wird auch, zuvor eine Phantasiereise in die Vergangenheit zu unternehmen und dann mit seriellen Anfängen wie “Als ich jung war…” oder “In meiner Kindheit…” zu arbeiten.

Meines Erachtens ermöglicht es die Wiederholung auch, unterschiedliche Aspekte zu erinnern und vielleicht ganz bewusst zwischen belastenden und positiven Erinnerungen zu wechseln. Ein Beispiel:

In meiner Jugend war ich oft unglücklich.
In meiner Jugend las ich viel und hörte Musik.
In meiner Jugend zog ich Kleidung an, die heute wieder modern ist.
In meiner Jugend war alles düster.
In meiner Jugend schrieb ich Gedichte.
In meiner Jugend war ich ständig verliebt.

Durch die serielle Wiederholung entsteht ein eigener Text, der auch so stehen bleiben könnte. Wie auf der obigen Abbildung zu sehen ist, ergibt sich auch ein schönes Textmuster, wenn man Anfänge wiederholt, aber abwechselt.

Wem eine Zeitangabe wie “In meiner Jugend…” oder “In meiner Kindheit…” zu konkret ist, kann auch allgemeiner formulieren: “Ich erinnere mich…” oder “In meiner Erinnerung…”

Versuchen Sie es doch einfach mal.

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Literaturhinweis:

*Von Werder, Lutz, Schulte-Steinicke Barbare & Schulte Brigitte (2011) Die heilende Kraft des Schreibens. Ostfildern: Patmos-Verlag

Automatisches Schreiben

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Die amerikanische Schriftstellerin Mary Flannery O’Connor hat es einmal so formuliert:

“I write because I don’t know what I think until I read what I say.”

(“Ich schreibe, weil ich nicht weiß, was ich denke bis ich lese, was ich sage.”)

Dieser Effekt des Schreibens ist beim automatischen Schreiben sehr erwünscht. Beeinflusst von der euphorischen Begeisterung für die Psychoanalyse und voller künstlerischer Experimentierfreude wendeten André Breton und die Surrealisten in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts das automatische Schreiben als künstlerische Methode an. Technisch lehnte sich das automatische Schreiben an die Methode der freien Assoziation aus der Psychoanalyse an. Das heißt, es wird ohne Zensur oder Fokussierung alles aufgeschrieben, was im Augenblick des Schreibens auf das Papier fließt. Der entstehende Text ist dann als Enthüllung der eigenen inneren Welt zu deuten.

Der französische Psychiater Pierre Janet (auf dessen Konzepte Freud später zurückgriff) wandte schon vorher das automatische Schreiben gezielt als therapeutische Methode an. Unbewusste Gefühle und Gedanken sollten durch das Schreiben (in Trance bzw. Hypnose) auf das Papier fließen. Durch das Lesen des eigenen Texten wird dem Schreibenden dann bewusst, was er gedacht hat.

Im Surrealismus und Dadaismus galten die durch automatisches Schreiben entstandenen Texte, die frei und ohne Zensur und Regeln geschrieben wurden, als eigene Kunstform.

Das automatische Schreiben ist dem Freewriting und auch Methoden wie dem discovery draft sehr ähnlich, die ebenfalls freies, ungefiltertes Schreiben fördern, sich allerdings im Grad der Fokussierung und zeitlichen Beschränkung unterscheiden.

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