Im Schreibfluss oder im Arsch?

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“Das Talent sitzt im Arsch.” (Paul Schuster)

Paul Schuster war ein Berliner Schreiblehrer, der u.a. an Herta Müllers Erfolg als Schriftstellerin großen Anteil gehabt haben soll. Von ihm stammt dieses ziemlich ruppige Zitat über das Schreiben. Ich verstehe es so, dass das “Sitzfleisch” darüber entscheidet, ob aus dem Talent überhaupt etwas wird. Wer einen längeren Text schreiben will, muss sich damit abfinden, lange zu sitzen und zu schreiben. Eine Binsenweisheit. Aber ich habe schon oft festgestellt, dass vielen dies gar nicht klar ist.

Mihály Csíkszentmihályi, Psychologie-Professor der Uni Chicago (mittlerweile emeritiert), hat nämlich den Begriff “Flow” eingeführt. Das ist dieser Zustand, wenn alle Konzentration in die Tätigkeit fließt und man die Welt um sich herum vergisst. Beim Schreib-Flow strömen die Ideen wie von selbst auf das Papier (oder in die Tastatur). Allerdings muss ich gleich einschränken, dass solche im Flow geschriebenen Texte dann irgendwann in die Überarbeitungsphase geraden. Spätestens dann ist das “Sitzfleisch” wieder sehr gefragt, damit aus guten Ideen ein guter Text wird.

Ich kenne beide Schreibzustände: Zeiten, in denen ich fast süchtig nach dem Schreiben bin und die Geschichten fließen. Wenn der Rücken nicht schmerzen, die Augen nicht verspannen würden, ich würde nicht aufhören zu schreiben. Genauso kenne ich aber auch die Neigung zum Prokrastinieren, das Gefühl, mich zum Schreiben zwingen zu müssen, das Schreiben als mühselige Arbeit, und am Ende die Frage, wozu das Ganze?

Jede und jeder, der oder die an einem längeren Schreibprojekt sitzt, kennt diese Schreibunwilligkeit, die manchmal in eine Schreibblockade mündet. Der “Flow” lässt auf sich warten, das Schreiben wird zur mühseligen Arbeit.

Aus diesem Grund halte ich den Spruch von Paul Schuster für realistisch. Der “Schreibflow” trägt Schreiber_innen meistens nur am Anfang, danach geht es um Ausdauer und um das Durchhalten und Akzeptieren der Durststrecken.

Zwei Tipps, um die Durststrecken zu überwinden, kann ich hier aus eigener Erfahrung einbringen:

  1. Einen Zeit- und Arbeitsplan aufstellen
    Feste Schreibzeiten für das Schreibprojekt aufstellen, die realistisch, also nicht zu lange, aber auch nicht zu selten sind.
    Ein Beispiel für einen Zeitplan findet sich auf der Seite von Neil Fiore, dem amerikanischen Psychologen, der sich sehr intensiv (und sehr psychologisch) mit Prokrastination beschäftigt hat: http://www.neilfiore.com/now-habit-schedules/
  2. Schreibrituale entwickeln
    Die Tasse Kaffee, die Musik, die unbedingt im Hintergrund laufen muss, bestimmte Schreiborte, der Tagebucheintrag vor dem Starten des Laptops. Jede_r Schreiber_in hat eigene Rituale, die wichtig sind.

 

 

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